Mein Theorie-Auslandssemester, welches ich in Breslau (Polen) unterstützt vom ERASMUS-Programm Mitte Februar angetreten bin, hat mich um viele Bekanntschaften und Erfahrungen bereichert. Viereinhalb Monate war Breslau mein Zuhause und mit ihm die Menschen und Eindrücke, die mich doch auch geprägt haben.
Der Slogan „Wrocław - Miasto Spotkań” (übersetzt Breslau – der Treffpunkt) der viertgrößten Stadt Polens hat seine Wurzeln in Papst Johannes Paul II. Predigt auf dem 46. internationalen eucharistischen Kongreß 1997, in dessen Kontext er den Kontakt dreier Länder pries. Heute zeugt dieser Ausspruch von vielmehr, nämlich davon dass man in Breslau Leuten unterschiedlichster Nationalität begegnet und somit nicht nur Europa, sondern der ganzen Welt ein Stück näher ist.
Meine Motivation ein Semester in Polen zu absolvieren war vor allem die Sprache zu erlernen, bzw. Grundkenntnisse auszubauen. Allerdings habe ich mich leider nicht getraut auch in Polnisch zu studieren. Im Nachhinein hätte ich diesen Schritt vielleicht doch wagen sollen, so wäre ich wohl nicht nur sprachlich, sondern auch bezüglich des Vorlesungsinhalts weiter gekommen. Allerdings hätten sich dann wahrscheinlich auch keine so engen Freundschaften mit Leuten so vieler verschiedener Kulturkreise aufgebaut.
Nach zwei Wochen im Studentenwohnheim war mir klar, dass ich dort nur Englisch reden und mit meinem Polnisch wenig weiter kommen würde. Nach erfolgreicher Wohnungssuche teilte ich mir dann vier Monate lang eine Wohngemeinschaft mit zwei polnischen Mädchen, die mir auf Anhieb sympathisch waren und mit denen ich fortan nur auf Polnisch kommunizieren würde. Denn der polnische Sprachkurs, welcher angeboten wurde, fand leider nur zweimal wöchentlich statt und Vorlesungen habe ich auf English belegt, weshalb ich dann wenigstens tagtäglich daheim Unterhaltungen in Polnisch führen konnte. Was schön war, weil ich selbst gemerkt habe, dass ich Fortschritte machte.
Leider hatte das polnische Volk dieses Jahr mit ziemlichen Rückschlägen zu kämpfen, Bilder die sich mir eingeprägt haben. Am Morgen des 10. April verunglückten 96 Insassen beim Flugzeugabsturz von Smolenks (Russland). Zu den Passagieren gehörten Polens Staatspräsident Lech Kaczyński und seine Ehefrau, Abgeordnete des Parlaments, Offiziere sowie Angehörige von Opfern des Massakers von Katyn. In Lech Kaczyński verloren die Polen einen geschätzten und geliebten Präsidenten, und so trat wochenlange Trauer ein. Für mich war es äußerst beeindruckend mit welchem Mitgefühl man in Polen diesem Ereignis entgegentrat. Es wurde eine Trauerwoche eingelegt und jegliche öffentliche Veranstaltungen abgesagt. Statt dem Alltagstrott zu folgen, versammelte man sich auf öffentlichen Plätzen, vor allem dem Marktplatz, legte Blumen und Kerzen nieder, betete. Polnische Flaggen mit Trauerband waren an jedem Gebäude angebracht.
Das polnische Volk war regierungslos und dann mitten im Wahlkampf kam der Regen. Zwei Wochen regnete es ununterbrochen und so kam es zur Überschwemmung zahlreicher polnischer Städte. Und auch in Breslau, welches an der Oder und zahlreichen Nebenflüssen liegt, kämpfte man mit den Fluten. Nicht nur das gewaltige Mitgefühl der Polen, welches durch das Flugzeugunglück an den Tag gelegt worden ist, hat mich beeindruckt, auch die Hilfsbereitschaft mit der man denen begegnete, die durch das Hochwasser alles verloren haben. Und ein weiterer Punkt hat mich beeindruckt: Polen hat statistisch die jüngsten Mütter Europas und das konnte man auch überall sehen. Viele junge Familien, die absolut fürsorglich und bedacht um das Wohl ihrer Kleinen sind.
Als sich nach langer Regenperiode die Sonne endlich wieder zeigte und das Wasser zurück ging, war ich viel mit dem Fahrrad unterwegs. Am Wochenende unternahm ich mit Freundinnen aus dem Studentenwohnheim aus Griechenland und Spanien wunderschöne Fahrradtouren durch Breslaus zahlreiche Parks. Wie der Mensch so ist, hat er gewisse Vorurteile oder teilt zumindest Stereotype, die einem unbewusst vermittelt werden und so war immer wieder interessant, wenn solche widerlegt wurden. Ich hätte mir beispielsweise nie vorstellen können nach Indien zu reisen, aber nun wurde meine Lust geweckt, durch einen indischen Dozenten und auch Kommilitonen, die von ihrem Heimatland schwärmten.
Während der WM haben wir uns dann auf dem Marktplatz mit Freunden bei einem kühlen polnischen Bier die Spiele angeschaut, was aufgrund der vielen anwesenden Nationalitäten ein Erlebnis war. Vor allem die Niederlage Deutschlands gegen Kroatien, welche ich mir zusammen mit vielen Kroaten angeschaut habe. Auf einmal schaut man sich solch ein Spiel anders an…
Was das Studium angeht, war ich von der DHBW etwas ganz anderes gewohnt, wo man einfach absolut gut organisiert sein muss und ehrlich gesagt hat mir das ein bisschen gefehlt. Ich wollte nicht nur nach Polen um Polnisch zu lernen, sondern auch um das Leben an der Universität kennenzulernen, mir ein Bild davon zu machen. Und auch wenn Englischsprachige Erasmus Studenten in kleinen Gruppen eingeteilt waren (DH-Verhältnissen ähnlich also) und wir nicht in einem riesigen Hörsaal saßen, so weiß ich jetzt dass die DH auf alle Fälle die beste Form des Studiums bietet, zumindest für mich persönlich. Ich habe es noch mehr zu schätzen gelernt auch im Vergleich mit Studenten, die eben nicht von einer Praxiserfahrung profitieren, wie wir die Möglichkeit an der DH haben.
Breslau halte ich in guter Erinnerung und auch wenn beim Abschied mit denen, mit denen man eine tolle Zeit verbracht hat, das Versprechen sich wieder zu sehen immer wieder fällt, so weiß man doch irgendwo dass es ein Widersehen in dieser Weise nicht mehr geben wird. Was ich aber auf alle Fälle weiß, ist dass ich wieder einmal nach Breslau gehe und mich dann unbedingt wieder mit meiner Mitbewohnerin Ewelina treffen werde, denn während den vier Monaten, die wir zusammengewohnt haben, hat uns extrem viel verbunden, ist eine geniale deutsch-polnische Freundschaft entstanden.
Kathrin Mika, DH-Studentin